Mein erster Porsche
„Das ist von HABO!“
„Habo...(?)“
„HABO – der Porsche unter den Herstellern von Babyspielzeug!“
Ein „sozusagen“ schwingt in der leicht euphorischen Rede der Verkäuferin mit. Sozusagen ein Porsche – es wäre mein Erster. Für 19.99 scheint die Kinderwagen-Kette ja ein wirklich erschwingliches Schnäppchen zu sein.
„Natürlich alles völlig ungiftig und ungefährlich“. Die umstehenden Mütter nicken beifällig und, wie mir scheint, auch etwas vorneidisch, was es mir allerdings noch lange nicht gestattet, einen prüfenden Blick auf die Hersteller der in ihren Kinderwagen verbauten Kinderwagenketten zu werfen.
Ein Porsche also. Sozusagen. Eigentlich bin ich ja mehr oder weniger überzeugter Mercedes-Benz-Fahrer, womit ich mich natürlich nicht mit den Rüstungsgeschäften selbigen Konzerns identifizieren möchte. So ein Benz verspricht nun mal alles, was man sich als in die Mittelschicht aufgestiegener Habenichts nur wünschen kann: Sicherheit, die auch zuweilen nicht gänzlich neidfreie Anerkennund durch die anderen Verkehrsteilnehmer. Nun ja – zumindest könnte es so sein, wäre mein Benz mit seinen 18 Jahren nicht schon jenseits aller Wirtschaftlichkeit und Modernität.
Einen Porsche hingegen mag im Prinzip doch außer seinem Besitzer keiner. Das ist nun mal völlig klar. Wenn man die Typen schon sieht – den rechten Arm vermeintlich lässig um den wie zum Trotz leeren Beifahrersitz gelegt, was beim Kavallierstart durchaus gewisse haptische Komplikationen nach sich ziehen kann.
„Ein Porsche also?“ staune ich.
Die anwesenden Mütter scheinen für den Moment das Interesse an dem Kinderwagenketten-Verkaufsgespräch verloren zu haben und widmen sich neuen, wichtigeren Aufgaben, wie dem Dürchstöbern des Angebotstisches oder dem Studium der Herstellerhinweise auf der Rückseite von Beißringverpackungen.
„Ein Porsche also?“ wiederhole ich, womit ich erfolgreich das seelige Verkaufslächeln der Kinderwagenketten-Fachverkäuferin zertrümmere und sie in die harte Realität des Babyzubehörhandels zurückhole.
„Wir haben natürlich auch günstigere Ketten – die hier zum Beispiel für 9.99 – Made in China – aber selbstverständlich auch völlig ungiftig und TÜV-geprüft und so“. Gekonnt meistert die Verkäuferin den Spagat zwischen aufrichtiger Empörung über nicht in heimischen Landen hersteller Ware und dem damit verbundenen Verlust wertvoller heimatlicher Arbeitsplätze und dem fraglos hohen Qualitätsanspruchs des ersten Baby-und-Kinder-Zubehörhandelshauses am Platze.
„Die haben so blöde Glöckchen!“
„?“
„Naja – die sind aus Metall die Glöckchen und da beißt der Zwerg so gerne drauf rum und das kann ja nicht gut sein für die Zähne.“
Die Verkäuferin weiß sich nun auf sicherem Terrain – das Stichwort habe ich geliefert.
„Man will ja nur DAS BESTE für`s Kind“ sagt sie, sich der Aufmerksamkeit und Zustimmung der mit wiedererwachtem Interesse lauschenden Mütter gewiß.
DAS BESTE für´s Kind – das wollen wir doch alle. Am besten das Allerbeste. Fraglos kann das Allerbeste nicht aus Fernost kommen – außer vielleicht Sushi oder Feng Shui, aber wer will schon rohen Fisch essen oder gar Löcher in seinem Haus haben? Ich nicht! Das mit den Löchern kann man wohl machen, wo es immer warm ist, aber doch nicht in Deutschland. Außerdem glaube ich nicht, dass das wirklich `was bringt. Honkong ist trotzdem an die Chinesen gefallen und die japanische Autoindustrie liegt gleichermaßen am Boden wie die amerikanische und die deutsche – von Porsche `mal abgesehen.
Löcher in Häusern bringen rein gar nichts! Hätten die lieber mal ein schönes Schnitzel gegessen oder einen Sauerbraten. Das sieht man doch auch ganz deutlich an den Glöckchen – da fragt man sich doch, ob die überhaupt mitdenken.
Und dann auch noch Nashornhörner und Wale essen – am Besten roh vermutlich . Wo doch schon jedes Kind weiß, dass die armen, kleinen Wale sich mit bedrohlicher Geschwindikeit der Nichtexistenz nähern, von den Nashörnern ganz zu schweigen. Was soll es denn da auch noch zu forschen geben? So klein sind die ja auch wieder nicht, als dass man da noch groß mit dem Mikroskop drin rumsuchen müßte! Um was zu finden?
Bei den Eskimos, oder politisch korrekt „Inuit“, kann ich das ja noch verstehen. Da gibt es ja auch sonst nicht viel – vielleicht ein paar Robben oder so. Da braucht man ja das Fett und den Tran für den Energiehaushalt und so. Schließlich bringt es ja auch nicht viel, dort massenhaft Schweinefleisch zu importieren – wo sollte auch die Kohle dafür herkommen.
Unvorstellbar, da zu wohnen. Die Kälte in Deutschland ist schon kaum auszuhalten – aber wenn es einfach immer kalt ist …
„Heute bekommen wir einen schönen Tag! Nach der letzten, schweinekalten Woche wird es heute nur arschkalt sein. Die nächsten Tage bringen lediglich grimmige Kälte mit mäßigem Wind. Die Schneefallwahrscheinlichkeit liegt bis zum Wochenende bei unter 15%. Also Leute: schnell die Picknicktische aufgestellt und Wale gegrillt!“ So oder so ähnlich muß wohl der Wetterbericht von ICE-FM klingen. Unter solchen Bedingungen ißt man vielleicht schon mal rohen Fisch oder auch `nen Wal – aber Löcher macht sich da bestimmt keiner ins Haus.
Mittlerweile stehe ich allein vor den Regal mit Kinderwagenketten. Die Verkäuferin hat sich mehrwertversprechenderer Kundschaft zugewandt und mein dahingenuscheltes „Ja“ verhallt ungehört zwischen farbigen Holzperlen und Messingglöckchen unterschiedlichster Nationalität. Eigentlich solle man sowas sowieso im Bio- oder Weltladen kaufen. Wenn die da nur nicht so komisch wären.
Gerade die im Bioladen. Naturbelassene Mittelschicht und Neu-68er. Wenn ich die schon sehe mit ihren Weideneinkaufskörbchen, wie sie 2 Bananen, einen Apfel und ein erbärmlich winziges Stück Ziegenkäse von der wirklich traditionell wirtschaftenden Käserei aus dem Allgäu kaufen. Dazu das schon fast unvermeidliche Gespräch über den besten Balsamico, der so hervorragend mit dem Rucola harmoniert. Dieses Bio- und Umweltgetue steinert mir gewaltig zumal die Bio-Banane ebensowenig mit dem Ochsenkarren in den gut euronisierten Süden Deutschlands kommt, wie die der hier unbeliebten Discounter.
Im Weltladen sieht`s auch nicht viel besser aus. Wie ein Damoklesschwert hängt das „3.“ über und vor dem Namen. Das ist schon ein starkes Stück, den größten Teil unserer Erde auf das Bronzetreppchen der ökonomischen Evolution zu stellen und die Silbermedaille gar nicht erst zu vergeben. Jetzt könnte ein mäßig mediengebildeter Leser, den Begriff „Schwellenland“ ins Feld führend, protestieren. Doch an welcher Schwelle stehen die denn? An der Schwelle zu nach unseren Maßstäben akzeptabler Wirtschaftskraft und ungebremstem Wachstum? Oder führt der nächste Schritt geradewegs in den frühkapitalistischen Abgrund?
Hier im Weltladen mit dem aus Holz gefertigten, regenbogenfarbenen Türschild ist sie natürlich in Ordnung. Die Welt – meine ich. Die Holzperlen sind vorraussichtlich zu fairen Preisen in Nordafrika oder Lateinamerika handgeschnitzt und gift- und kinderarbeitsfrei nach EU-Norm aufgefädelt und in recyclebarem Material verpackt.
Die seltene, leicht und naturnah angegraute und friedensbewegte Klientel nimmt den Wechsel von sackförmiger Jute-Bekleidung zu der dem allgemeinen Trend angepaßten Mode wohlwollend zur Kenntnis. Leider haben sich der fast unvermeidliche Hare-Krishna-Sound und der im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Geruch der Duftöllämpchen nicht dem Wandel der Zeit unterworfen, was es mir quasi verbietet, einen solchen Laden zu betreten.
Die Kundschaft des Babyhauses hat sich zwischenzeitlich einem äußeren Wandel unterzogen. Andere Mütter mit anderen Babies und auffallend dem meinen ähnlichen Kinderwagenmodellen prüfen Qualität und Preise der ausgestellten Waren. Der vertraute Umgang einiger mit dem Verkaufspersonal läßt auf stammkundschaftliche Beziehungen schließen. Man unterhält sich über Windeldichtheit und Babyschwimmkurse, das Wetter im allgemeinen und speziellen und logischerweise über die unvergleichliche Mehrbelastung der Mutter.
Mütter! Es ist schon erstaunlich, welch Wandel wenige Stunden nach Kenntnisnahme der erfolgreichen Besamung einsetzt. Zuvor ungeahnte Hormone übernehmen fast vollständig die Kontrolle über Essgewohnheiten, Launen, soziale Aktivitäten und Vernunft. Plötzliche Schwindelanfälle, Übelkeit und ähnliche Unpäßlichkeiten begleiten nunmehr den Alltag der werdenden Familie. Das Auftreten dieser Symptome scheint stark an die unmittelbare Anwesenheit des Erzeugers geknüpft zu sein, welcher fortan als teekochender und geduldiger Haussklave ein eher tristes Dasein fristet. Dieser scheinbar kausale Zusammenhang fällt lediglich in Schuh- und Bekleidungsgeschäften unter die Nachweisgrenze – ein noch zu untersuchendes Phänomen.
So oder so – es gibt nun einen neuen Chef: DAS BABY! Selbstverständlich weiß nur die werdende Mutter, was DAS BESTE ist für`s Kind.
Während Wochen und schließlich Monate dahinschreiten und sich der Bauch der Angebeteten immer stärker wölbt, wobei Mann sich fragt, ob dies auf die 6-8 täglichen Mahlzeiten oder tatsächlich auf die Kraft seiner Lenden zurückzuführen sei, laden Freunde und Bekannte tonnenweise ihr ausgedientes Babyinterieur ab. „Das ist noch wie neu! Die wachsen ja so schnell – da wäre das ja schade drum...“. In dieser Manier füllen sich trotz letztendlich immer schwächer werdenden Protestes Schränke und Schubladen mit überwiegend hellblauen und rosa Stramplern, Söckchen, winzigen Handschuhen und Mützen. Die ersten Ultraschallbilder werden angefertigt und eine verzückte Baldmutter zeigt die rohrschachähnlichen Schwarzweißbilder der vermeintlich beeindruckten Bekanntschaft und Verwandschaft.
Immer öfter kommt die Namensfrage auf. Lara und Phillip sind die derzeitigen Favoriten deutscher Kinderbetten und kommen somit nicht in Frage. Karl. Das ist ein schöner, deutscher Name, der Stärke, Kraft und Selbstbewußtsein verspricht – den muß man sich merken, obwohl die Mutter schon etwas skeptisch scheint. Auch besteht die Gefahr, dass da ein Karli oder schlimmer noch „Charly“ draus wird und das Baby soll ja nun keinen Hundenamen bekommen. Naja – vermutlich wird’s eh ein Mädchen. Dann eben Maria. Geht auch nicht – viel zu katholisch und mit den Pfaffen will man ja nun wirklich nichts zu tun haben und mit den römischen schon dreimal nicht.
Ausgerechnet diese ganze schwule, mit Gott verheiratete Bruderschaft will den paar Homos auf dieser Welt das Poppen verbieten. Mit dem Verweis auf die heilige Institution der Ehe, während ihre bayrische Scheinheiligkeit gerade mit der Seeligsprechung des Nazipapstes Pius dem XII. beschäftigt ist. Auch wenn die BILD-Zeitung „Wir sind Papst“ titelte, war die Wahl Ratzingers kein großer Wurf. Keinen Sex vor der Ehe soll man auch noch haben. Also nicht haben – den Sex und wenn schon, dann aber mit ohne Kondom. Ab da wird’s richtig schwierig für schwule Katholiken. Wenn sie poppen wollen, geht das nicht, wenn sie nicht vorher heiraten, was sie aber nicht dürfen sollen. Mit ohne Kondom, auch das weiß jedes Kind, kann man sich zudem ganz bösartige, ganz kleine Virusdinger einfangen, die dann allerdings die spätere Ehe überflüssig machen. Das alles zusammengenommen reicht schon, um Maria definitiv auszuschließen.
Überhaupt bleibt mir der ganze Religionsquatsch schleierhaft. Die Israelis prügeln im Namen Gottes und unter Berufung auf ein in einem über 1.800 Jahre alten, mehrfach umgeschriebenen und querübersetzten Schinken verbürgtes Hausrecht auf die Palestinänser ein. Die Kämpfer Allahs bomben ahnungslose Hochhäuser mit geliehenen Flugzeugen in Schutt und Asche während die katholische Kirche den Saubermann raushängt und die eigene Vergangenheit unter den Perser kehrt. Scharf werden Hassprediger verurteilt, zumidest in Europa. In der immer noch am stäksten wachsenden päpstlichen Fangemeinde Mittel- und Südamerikas hingegen wird (noch) ohne Bandagen gepredigt. Aus unserer Sicht gleicht die religiöse Praxis eher einer Mischung aus mittelalterlichem Mummenschanz und, zumindest in den indigenen Gebieten, einer Assimilation archaisch-heidnischen Brauchtums. Und: Hier wird Klartext geredet. Der erste Glaubensfeind ist allerdings nicht der Islam sondern, wen wunderts, die protestantische Kirche, der ob des Nichtvorhandenseins von Aposteln sogleich das Recht zur erfolgreichen Taufe in Abrede gestellt wird und somit auch der Weg ins wieauchimmergeartete Paradies.
Die derzeit einzige, wenn auch winzige, Hoffung auf ein Ende dieses Irrsinns liegt nicht etwa in der Ökumene, auch nicht in einem winzigen Ort im Süden Frankreichs. Nein – in der beschaulichen Schweiz, wo Techniker am Rande des Abgrunds und skorbutgfährdete Wissenschaftler unter dem Motto „Schraubst Du noch oder forschst Du schon“ ganz ganz kleine Dinge ganz ganz schnell verunfallen wollen um ganz ganz Großes herauszufinden. Letztendlich, so befürchte ich, wird auch ihnen nicht der unumstößliche Beweis der Nichtexistenz Gottes gelingen.
To be continued |